Mich als Webentwickler und bekennenden Firefox-User hat die Meldung über einen neuen Webbrowser zunächst total kalt gelassen. Aus Entwicklersicht wäre mir die Reduzierung auf einen einzigen Browser wohl ohnehin am liebsten, zumindest solange es keinen allgemein gültigen Standard zur Darstellung von Webseiten gibt, an dem sich alle Browser orientieren.
Aus Benutzersicht hingegen scheint mir der Browser-Markt gut aufgeteilt: Microsoft dominiert zum einen historisch begründet, da man von Anfang an "dabei" war und zum anderen natürlich aber auch durch die Verbreitung von Windows. Danach folgen Mozilla und Opera, die beide mit ihrem großen Funktionsumfang als auch in puncto Sicherheit überzeugen können sowie für verschiedene Betriebssysteme erhältlich sind und die Apfelmänner schließlich gehen auf Safari. Alles Weitere dürfte im Promillebereich um die Gunst der User buhlen und überwiegend auf eine Render-Engine der bereits genannten Kandidaten setzen.
Da fragt man sich natürlich zu Recht, wo da noch Platz für einen neuen Browser sein soll. Des Weiteren mag man auf den ersten Blick meinen, dass es ein neuer Browser schwer haben dürfte in absehbarer Zeit konkurrenzfähig zu sein. Doch der Browser-Markt bewegt sich ständig, wenn auch sehr langsam. In den letzten Jahren musste Microsoft's IE nach einem Sieg im Browserkrieg zunehmend Marktanteile wieder abgeben, zu Gunsten von Firefox oder Opera und der einstige Primus Netscape verschwand schließlich komplett von der Bildfläche. Demnach wäre es durchaus denkbar, dass in einigen Jahren auch Google's Chrome seinen festen Platz eingenommen hat. Doch hat er das Potential dazu?
Erster Eindruck positiv
So entschloss ich mich gestern dazu, Chrome eine Chance zu geben und installierte ihn kurzerhand. Der Webinstaller lädt dabei alle nötigen Dateien aus dem Internet und richtet Chrome ein. Erfreulich: auf meinem 64 bittigen Vista gab es keinerlei Probleme. Selbst mein manuell auf eine andere Partition verlegter Desktop-Ordner wurde wie vorgesehen als standardmäßiger Speicherort für Downloads erkannt. Nach dem Start überraschte mich eine sehr aufgeräumte und übersichtliche Benutzeroberfläche. Der Browser scheint sich auf's Wesentliche zu konzentrieren: Navigationsschaltflächen für Vor, Zurück und Aktualisieren, eine Adressleiste und 2 Buttons die geschickt die restlichen Funktionen des Browsers verbergen. Schließlich gibt es noch eine Tableiste und natürlich den Bereich in dem die Webseiten angezeigt werden. Es fehlt ganz offensichtlich ein Menü, eine Symbolleiste sowie die Statuszeile. Doch diese Elemente "fehlen" nicht etwa, sie wurden bewusst weggelassen und zum Teil gekonnt ersetzt. In anderen Browsern zeigt die Statusleiste z.B. beim Überfahren eines Links dessen Ziel an. Somit kann man meist vorher bereits sehen, wohin man bei einem Klick geleitet wird. In Chrome erscheint am unteren Rand des Fensters auch diese Information, wenn man mit der Maus über einen Link fährt. Für mehr brauche ich eine Statusleiste im Grunde auch nicht. Und mal erhlich: wenn man surft, braucht man dann permanent den Drucken-Button in der Symbolleiste oder direkten Zugriff auf die Lesezeichen? Insofern gefällt mir der Ansatz von Chrome, sich auf's Wesentliche zu konzentrieren, die restlichen Funktionen dabei aber nicht unbedingt zu verstecken. Über die zwei zusätzlichen Buttons neben der Adressleiste findet man alles Nötige und wer doch mal schnell etwas drucken will, kann auch mit der rechten Maustaste direkt ins Dokument klicken und im Kontextmenü den entsprechenden Befehl wählen. Das alles hinterließ bereits einen guten Eindruck, doch wie "fühlt" sich Chrome an und vor allem: wie lässt es sich mit ihm Surfen?
Optisch gefällt mir Chrome sehr gut. Durch die Konzentration auf's Wesentliche integriert sich Chrome nahezu perfekt in meinen Aero Glass Theme von Vista. Eine Titelleiste scheint es auf den ersten Blick nicht zu geben - oben befindet sich direkt die Tableiste, darunter die Leiste mit den paar wenigen Schaltflächen und der Adresszeile. Man erkennt, dass durchaus Wert auf Details gelegt wurde. So ist z.B. das Verschieben von Tabs innerhalb eines Fensters oder von einem Fenster zu einem anderen, sehr schön animiert. Man hat absolut nicht den Eindruck eine Beta-Version, denn um eben eine solche handelt es sich offiziell noch, vor sich zu haben. Offensichtliche Fehler waren auf die Schnelle keine aus zu machen. Da scheinen sich die zwei Jahre Entwicklungszeit bemerkbar zu machen.
Die Bedienung sowie der Aufbau von Internetseiten geht in der Tat sehr schnell vonstatten, wobei ich mich mit Firefox bisher auch nicht beklagen konnte. Im direkten Vergleich einiger Seiten, konnte ich keine signifikanten Unterschiede bei den Ladezeiten feststellen. Der angebliche Geschwindigkeitsvorteil fällt bei weitem nicht so hoch aus, wie er beworben wird. Trotzdem ist das Surfen mit Chrome ein Erlebnis. Es sind einfach die Details, die mir gefallen. Sei es die halb-transparente Darstellung inaktiver Tabs oder dass in der Adresszeile die Domain der aktuellen Seite optisch etwas hervorgehoben ist. Ein ganz tolles Feature finde ich auch, dass man mehrzeilige Textboxen beliebig in der Größe verändern kann. Dazu befindet sich an der rechten unteren Ecke der Textbox ein "Anfasser" über den man mit der Maus frei die Größe der Box einstellen kann. Keine Ahnung, ob man sich auch dieses Feature nur irgendwo abgeguckt hat, gerade Opera würde ich derartige Gimmicks zutrauen. Für den Moment jedoch hat mich diese Möglichkeit fasziniert. Davon abgesehen scheint auch die Render-Engine von Chrome auf den ersten Blick zuverlässig seine Arbeit zu tun. Bei den von mir aufgerufenen Seiten konnte ich keine Auffälligkeiten feststellen.
Die negative Seite
Leider gibt es da wo Licht ist auch immer Schatten. Google ist seit jeher bekannt dafür das Wort "Datenschutz" nicht sehr groß zu schreiben. Das ist dann eben der Preis für so tolle kostenlose Dienste wie Google Analytics, Google Mail, Google Produktsuche, Google Maps/Earth usw. usf. Man gibt seine Persönlichkeit preis um im Gegenzug all diese Dienste kostenlos in Anspruch nehmen zu können. Auch Chrome macht da leider keine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Bereits während der Installation meldete sich meine Firewall mehrfach, weil der Webinstaller sich zu irgendwelchen Servern verbinden wollte. Verbindungen zu einem oder auch zwei Serven, hätte ich ja verstanden, aber hier waren es eindeutig zu viele. Gleiches kann man auch während der Benutzung von Chrome feststellen. Und selbst wenn Chrome gerade nicht läuft, baut der Google Updater regelmäßig eine Verbindung auf, um nach Aktualisierungen zu suchen. Warum und zu welchen Servern Chrome da Kontakt aufnimmt ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, da oft nur die IP-Adresse statt eines Hostnamens verwendet wird. Darüber hinaus kann ich unverhältnismäßig häufige Festplattenzugriffe verzeichnen, die laut Vista's Ressourcenmonitor eindeutig auf Chrome zurück zu führen sind. Was rödelt der auf meiner Platte rum, selbst wenn ich gar nichts mache?
Laut eigener Aussage protokolliert Google auch jede besuchte Webseite mit zugehöriger IP-Adresse und ruft bereits während des Tippens einer Adresse ähnlich klingende und oft besuchte Seiten ab und schlägt diese vor. Während ich mit Letzterem noch Leben kann, schließlich machen es andere Browser auch nicht anders, so stört mich Ersteres hingegen schon sehr. Es geht niemanden etwas an, welche Internetseiten ich besuche. Zumindest was mich angeht, ist dies das endgültige K.O.-Kriterium für Chrome.
Warum Chrome?
Was bleibt, sind ein paar nette Features und eine schön anzusehende und aufgeräumte Benutzeroberfläche. Und gerade in dem Moment wird mir auch wieder klar, was mir an Firefox so gefällt: man kann ihn sich ganz nach seinen Vorlieben anpassen und konfigurieren. Das beginnt bei den Themes und endet in einer unzähligen Masse an Plugins mit denen man sich seinen Browser ganz nach seinem Gusto herrichten kann. Würde ich jetzt nach dem oben genannten Feature mit der Größenänderung für Textboxen suchen, so bin ich mir sicher, dass ich ein Plugin finden würde welches auch Firefox eine derartige Funktion nachrüstet. Und auch der Skin von Chrome wird sicher bald als Inspiration für einige Entwickler von Firefox Themes dienen. Ich werde Firefox demnach die Stange halten und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Zumal sich Chrome in Sachen Sicherheit erst noch beweisen muss.
Alles Nichts oder?
Dennoch hat Chrome Potential. Auf den ersten Blick wirkt Chrome bereits jetzt sehr ausgereift und zuverlässig. Er ist schnell bei der Arbeit und lässt sich hervorragend bedienen. Für viele sicherlich Grund genug, v.a. in Kombination mit den eigenen Werbesprüchen bezüglich Sicherheit und Geschwindigkeit. Gegenüber Mozilla hat Chrome zudem den Vorteil eines dicken Budgets, schließlich steht immer noch ein Konzern namens Google dahinter, der Mozilla sogar zu einem Großteil mit finanziert.
Lässt man dann mal seine Gedanken schweifen und überlegt sich wie eine Symbiose von Google's Diensten mit Chrome aussehen könnte, so wird es noch interessanter, v.a. in Kombination mit Google Gears. Chrome soll später mal Webanwendungen auf den Desktop bringen, ohne dass man vorrangig den Eindruck hat, dass es sich um ein Browser-Fenster handelt und dass die Daten aus dem Internet kommen. Die Adressleiste und Buttons sollen sich zu diesem Zweck komplett verstecken lassen. Google Mail könnte somit direkt auf dem Desktop laufen und bekannten EMail-Clients Konkurrenz machen. Gleiches gilt für Google Maps: mal eben eine Adresse suchen, intuitiv direkt vom Desktop aus. Die Möglichkeiten sind vielfältig, vor allem wenn Google beginnt seine Dienste zu verknüpfen und ggf. in Chrome mehr oder weniger direkt zu integrieren. Dabei ist die Idee Webanwendungen auf den Desktop zu holen nicht neu: mit Mozillas Projekt "Prism" ist dies bereits schon möglich.
Später soll auch Chrome über Plugins anpassbar sein und da alles unter OpenSource steht, ist eine bestimmte Menge an programmierwilligen Anhängern bereits schon jetzt gewiss. Auch bei den Benutzern wird sich Chrome sicherlich einen Platz schaffen können, aber ob Chrome ein Erfolg wird, wird sich zeigen. Auch wenn Chrome zunächst innovativ wirkt, so sind die meisten Features bereits auch schon aus anderen Browsern oder wie am Beispiel "Prism", bereits aus anderen Projekten bekannt. Doch wie bereits jüngst das iPhone eindrucksvoll unter Beweis stellte, genügt bereits eine einzige Sache, um die Leute zu überzeugen. Beim iPhone war es klar die Bedienung, die zwar an sich nichts Neues war, aber von der Art wie sie realisiert wurde eben die Leute zu begeistern wusste. Da störte es auch nicht, dass das erste iPhone kein UMTS unterstützte und auch keine MMS empfangen konnte. Ein ähnliches Phänomen könnte auch Chrome widerfahren.